Internationale Poetry-Biennale  -  Filmfestival  -  Salon  -  Netzwerk

Samstag, 14. November, 16 Uhr

 


Julia Toggenburger
(Schweiz / Switzerland)

⇒ Focus Schweiz / Switzerland

Julia Toggenburger , *1991, ist als Musikerin, DJ, Radiomacherin, Organisatorin und als freischaffende Autorin unterwegs im Schweizer Kulturwald. Sie lebt in Winterthur und schreibt Lyrik, experimentelle Prosa und performative Texte.

Ihr Debüt Nebelgrenze ist Ende 2022 im Verlag Mäd Book erschienen, aktuelle Veröffentlichungen sind die Musikalben Blauer Planet und Das Grauen, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Musiker Karl Kave.

Julia Toggenburger (*1991) is active in Switzerland’s cultural landscape as a musician, DJ, radio producer, organizer and writer. She lives in Winterthur and writes poetry, experimental prose, and performative texts.

Her debut book, Nebelgrenze, was published by Mäd Book in late 2022. Her recent releases include the music albums Blauer Planet and Das Grauen, created in collaboration with Swiss musician Karl Kave.

©Robert-Sageder-schamrock

ZWEI

 

wir hasten, wir schnellen
ein falsch herum stürzender brocken
am hang, an der wand, ist gleichheit
im einst komprimierten. und heute

zerfall,

(e r o s i o n)

als letztes prinzip. was hält

 

uns

?

 

was hält die welt
bindet die körper
an wald, an prärie, an gefaltete schichten
die dünnste von allen ist boden für uns
und wir. scheren uns nicht drum

wir sind einfach so unglaublich dumm
ein stein löst sich und fällt
rollt von fest auf fest klackernd
nach unten, nach gewicht
auf den gesichtern die angst
(flächenbrand, seitenlang)

können nicht weiter
wir wissen genau von den glasigen augen
der kuppel, dem blinden, dem sehen
und denken: MORGEN
da dreht sich die welt ja noch immer

nichts ändert sich beim rütteln
nur die faulen äpfel fallen
mehlig mit würmern und wir
wünschen und sehnlich:
das. alles, was rund um uns ist
auch die äpfel am boden
in uns aufzusaugen. wir könnten es
– könnten nichts länger als das
deshalb kleben die augen
an vollmond, an meer und an raureif
an körpern, an mündern
und ständig an glänzenden
screens der geräte

ein stein löst sich und fällt

DREI

 

sinn und lust und moder
türmen wir, darunter
findet keine von uns ruhe
oder schutz. oder jene art
von zauber, die das sein
auf dieser schicht
für uns bereitgehalten hätte

wir hasten, rennen beinah schon

NACH VORN
NACH UNTEN
DANACH, DAVOR

NACH VORN

da ist es, es ist da
es ist jetzt. wir sind hier.
sind wir sicher?
wiedermal bewegen wir
uns immer auf der achse
nie den tritt,                den anschluss
nichts verlieren, nie
ist der moment schon jetzt?
das kommende längst da?
haben wir verpasst
was uns gerettet hätte
was uns retten hätte können
was uns, lange her geschenkt
das eine gäbe. was uns das
was uns. was

 

gäbe

es

eine

welt

für

uns

alle

VIER

 

ich sehe mich
in keiner zukunft stehen. oder gehen
oder liegen. auch der teppich hat
das weiche eingetauscht
wir können keine sanftheit
keine zugewandtheit mehr
erinnern uns an damals, als der
luxus war: uns lieben

ich sehe keine welt. nichts als ganzes
ich sehe nichts, das hält

 

NACH VORN.
JETZT
und fort

 

weit hinten girlanden aus fotos
von damals, geborstene enden
zusammengeklebt

geschusterte räume
erzählungen, bilder des wirklichen
boden und wand
fenster und dach
türe und fuge und
wo ist der rand, wo der rahmen
das grundstück zu ende, die grenze
das land und die heimat
ein gurgeln die eigene sprache im hals

 

 

ein stein löst sich
und fällt, kullert runter
die lücke liegt schweigend
und zeigt auf gelände, auf wiese und wald
zeigt auf sich selbst
und das fehlen als stolzes gewand
ist sie antwort, die lücke
die frage, nach ob
oder frage nach wann