Internationale Poetry-Biennale  -  Filmfestival  -  Salon  -  Netzwerk

Freitag, 13. November, 16 Uhr

 


Maria Callís
(Barcelona)

⇒ Focus Katalonien / Catalonia

Maria Callís (*1983 in Girona) hat Katalanische Philologie an der Universität Barcelona studiert und dort nach ihrer Promotion über zehn Jahre als Dozentin
gearbeitet; gegenwärtig ist sie als Lektorin für verschiedene Verlage tätig. Sie hat u.a. Werke von Ursula K. LeGuin, Caitlin Moran und Carmen María Machado ins Katalanische übersetzt und drei Gedichtbände veröffentlicht.

Für den jüngsten, La ciutat cansada (Die müde Stadt), erhielt sie 2016 den Premi Carles Riba, eine der angesehensten Auszeichnungen für Lyrik im katalanischsprachigen Raum.
Zusammen mit Blanca Lamar bildet sie das Duo Lleona, das Texte katalanischer Dichterinnen der Vergangenheit und Gegenwart vertont.

Seit 2022 kuratiert Maria Callís das Festival Barcelona Poesia.

Maria Callís (born 1983 in Girona) studied Catalan philology at the University of Barcelona, where she worked as a lecturer for more than ten years after earning her doctorate. She currently works as a copy editor for various publishing houses. She has translated works by Ursula K. Le Guin, Caitlin Moran, and Carmen María Machado into Catalan and has published three poetry collections.

For the most recent one, La ciutat cansada (The Tired City), she received the Premi Carles Riba in 2016, one of the most prestigious awards for poetry in the Catalan-speaking world. Together with Blanca Lamar, she forms the duo Lleona, which sets texts by Catalan women poets of the past and present to music.

Since 2022, Maria Callís has curated the Barcelona Poesia festival.

©Garcia-Cardellach

Die rote Irre

 

Wenn der Überdruss, die Müdigkeit, der Jammer,
wenn das Blut der Bote wär von einem Sinn,
wenn die Haut mir Tugend wäre und nicht Schwäche,
wenn durch Aufrufen des Kinds entstünd der Schrei.

Wenn ich nur Erholung fände von dem Jammer,
wenn der Vers brächt Müdigkeit, der Schlaf den Sinn,
wenn das Fleisch ein Pfropf mir wär statt Fasernschwäche,
wenn der Überdruss zerfaserte beim Schrei.

Wenn das nie geborne Kind, fern meiner Sinne,
Lab wollt sein aus Überdruss und Muskelschwäche,
wenn der Vers, den ich ihm schreib, wollt sein ein Schrei

jenseits ganz des Dünndarms dieses schlimmen Jammers,
jenseits auch der stummen Blutung ohne Sinn,
jenseits meines Kinds, das Fleck wird voller Schwäche.

La Folla Roja

 

Si el tedi si la son si la ressaca,
si fos la sang anunci d’un sentit,
si em fos la pell virtut i no pas flaca,
si convocant el fill nasqués el crit.

Si trobés el repòs de la ressaca,
si el vers portés la son i el son, sentit,
si em fos la carn empelt i no carn flaca,
si el tedi s’esqueixés badant el crit.

Si el fill que no ha de néixer ni he sentit
volgués ser un quall de tedi i carn molt flaca,
si el vers que ara li escric volgués fer un crit

enllà del budell prim de la ressaca,
de l’hemorràgia muda i sens sentit,
d’aquest fill meu que muda en taca flaca.

Asyntaktisch

 

Durch Straßen ohne Namen oder Sinn bist du entschwunden,
mein Kind, bist stumm geglitten, ohne Namen oder Herzschlag,
die Beine des Tages hinunter mit dem Blut, als wir dich Kind
noch gar nicht nennen konnten. Eine Knospe rohen Fleisches,
innen am Bauch angeheftet, gemischt unter die Säfte,
die mir die Tage schickten, eine einäugige Geste des Körpers,
der sich nirgendwo verfangen, die nicht Ja sein kann.
Du wurdest Nein und löstest das Unwetter aus, du wurdest Nein,
und dir geb ich die Schuld, mein Kind, du Kind von mir, das weder Mutter
noch Namen, weder Puls noch Körper haben wollte.
Ich gebe dir die Schuld dafür, dass dieser Bauch so schwach war,
ein Fürwort ohne Fleisch und eine blutende Ellipse,
mein Ich, das nur noch Rest wird, und mein Ich ganz ohne Weder.
Du bist entschwunden durch das dichte Unterholz der Zukunft,
mein Fehler in der Syntax, Stück von mir, doch leer von mir,
gestocktes Fruchtfleisch, dem die Welt zu locker sitzt und lästig war.

 

 

aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé

ASINTÀCTIC

 

Per carrers sense nom ni sentit et perdies,
fill meu, mut, sense nom ni batecs t’escolaves
sang avall per les cuixes del dia, quan ni fill
no et podíem dir encara. Un botó de carn crua
entatxat dins del ventre, barrejat entre els sucs
que em menaven els dies, un gest borni del cos
que no sap enganxar-se, que no sap ser que sí.
Vas ser no i desfermaves tempesta, vas ser no
i a tu et culpo, fill meu, fill de mi que ni mare
ni nom, ni pols ni cos no volies tenir.
A tu et culpo de ser el meu ventre tan dèbil,
un pronom sense carn, una el·lipsi que sagna,
el meu jo que es fa resta i el meu jo sense ni.
Per l’espès sotabosc del futur et vas perdre,
error meu de sintaxi, tros de jo buit de mi,
quall de polpa a qui el món va balder i ha fet nosa.