Internationale Poetry-Biennale  -  Filmfestival  -  Salon  -  Netzwerk

Freitag, 13. November, 20.30 Uhr

 


Judith Keller
(Zürich)

⇒ Focus meine 3 lyrischen ichs

 Judith Keller lebt in Zürich. 2022 veröffentlichte sie zusammen mit der Fotografin Nicole Zachmann das Bild- und Textbuch Das ramponierte Vertrauen/The battered trust (Vexer-Verlag). Ihr Roman Wilde Manöver (Luchterhand 2023) wurde mit dem Schweizer Literaturpreis 2024 ausgezeichnet.

Im September 2024 erschien ihre jüngste Publikation, der Band mit Kurzprosa (oder ist es doch Lyrik?) Ein Tag für alle (Der Gesunde Menschenversand). Im Januar las und sang sie daraus mit der Sängerin und Musikdramaturgin Lisa Pottstock am Lyrikfesatival Basel unter dem Titel Wir arbeiten als Tiger und als Chor. 

Judith Keller lives in Zurich. In 2022, she published the picture-and-text book Das ramponierte Vertrauen / The battered trust (Vexer Verlag) together with the photographer Nicole Zachmann. Her novel Wilde Manöver (Luchterhand, 2023) won the Swiss Literature Prize 2024.

Her most recent publication, Ein Tag für alle (Der Gesunde Menschenversand), appeared in September 2024. It is a volume of short prose (or is it poetry after all?). In January, she read and sang from it with the singer and music dramaturge Lisa Pottstock at the Lyrikfestival Basel under the title Wir arbeiten als Tiger und als Chor (“We Work as Tigers and as a Chorus”).

©Ayse-Yavas

Das Schild

 

Das lesende Reh erfuhr durch eine Lehrtafel im Wald,
dass seine Nachkommen die Brut heissen. Es musste es
zwei Mal lesen.

Nature trail sign

 

The reading deer learned from an nature trail sign in the forest
that its offspring are called “the brood.” It had to
read it twice.

Die Vogelfreundin

 

Séverine, die Vogelfreundin, hört im Zug seltsame Lau-
te. Es sind fiepende Geräusche wie von grassierendem
Geflügel, eines Huhnes zum Beispiel, oder mehrerer Pa-
pageien oder Pelikanen, die durch die Hohlräume hinter
der Decke des Zugabteiles und in der Wand neben den
Vierersitzen flattern, sich aufplustern und brüten. Die
Vogelfreundin lauscht. Es klingt nicht, als wären sie in
Not. Sie schliesst die Augen. Hinter der Seiten- und
Stirnwandverkleidung fliegen sie durch Wälder und Pal-
menhaine, die sich auftun in der Nacht. Alle gefährdeten
Arten sind in Sicherheit. Über Seen fliegen sie und über
saftige Wiesen, durch Mückenschwärme und das Mond-
licht über den Flüssen. Als der Kondukteur kommt,
kramt sie laut in ihrer Tasche und pfeift.

The Bird Lover

 

Séverine, the bird lover, hears strange sounds on the
train. They are chirping noises—like those of restless
fowl, a chicken for instance, or several parrots or pel-
icans—fluttering, fluffing their feathers, and brooding
within the hollow spaces behind the train compart-
ment ’s ceiling and in the wall beside the facing seats.
The bird lover listens. It does not sound as though they
are in distress. She closes her eyes. Behind the side
and end-wall paneling, they fly through forests and
palm groves that open up in the night. All endangered
species are safe. They fly over lakes and lush meadows,
through swarms of midges and the moonlight above
the rivers. When the conductor arrives, she rummages
noisily in her bag and whistles.

Kennenlernen

 

«Was machst du da?», fragte er sie, die in der späten Mit-
tagssonne im Hafenbecken schwamm. «Ich arbeite als
Fisch», antwortete sie. So lernten sie sich kennen.

Meeting

 

"What are you doing?" he asked her as she swam in the harbor basin in the late afternoon sun. "I work as a fish," she replied. That is how they met.