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Freitag, 13. November, 20.30 Uhr

 


Sasha Lavrenchuk
(München / Munich / Ukraine)

⇒ Focus meine 3 lyrischen ichs

Sasha (Oleksandra) Lavrenchuk, *1982 in Kiew, ist Juristin, Übersetzerin, Dichterin und Drehbuchautorin, sie lebt seit 2022 in München. Seitdem ist sie in der Münchner Literaturszene aktiv.

Für ihr Gedicht Babylon (2024) wurde Sasha Lavrenchuk für den Pushcart Prize: Best of the Small Presses nominiert.

Sasha (Oleksandra) Lavrenchuk, born in 1982 in Kyiv, is a lawyer, translator, poet, and screenwriter. She has lived in Munich since 2022 and has been active in the Munich literary scene ever since.

Her poem Babylon (2024) was nominated for the Pushcart Prize: Best of the Small Presses.

©Goluba-Lavrenchuk

Algen

 

Tief tauchst du ins struppige Seegras,
als wär es gefallenes Seehaar,
– auch du hast ganz schön viele Haare gelassen
in den letzten paar Jahren, nicht wahr?

Kämmst es jetzt mit den Fingern,
streichst es mit deinen Händen, plötzlich geht dir auf:
solang es im Wasser ist, ist es am Leben.

Du tauchst ins Wasser,
häufst dir etwas davon auf den Kopf und drückst es fest,
du drückst es mit beiden Händen auf deinen Kopf,
dass dieses See-Übersee-Gras dich neu belebe.

Es rutscht dir ins Gesicht und du beklagst dich bei ihm,
vergräbst deine Nase darin, flüsterst was, weinst hinein –
menschliches Salz zu Meersalz –,

du denkst dir die Algen als „sie“, als eine Freundin,
auf die Verlass ist – tauchst wieder auf

und holst Luft,
nein: um Luft zu holen ...

in diese erschreckende Welt.
Draußen.

Algae

Заходиш углиб, у косматі водорості, наче в опале волосся моря,
- У тебе з позаминулого теж повипадало чимало, еге?
Розчісуєш його пальцями, гладиш долонями, - згадуєш, що доки воно у воді, - живе.
Занурюєшся у воду, кладеш оберемок собі на голову - притискаєш,
Тиснеш обома руками собі на тім'ячко, щоби трава ця морська-заморська оживила й тебе.
Вона сковзає тобі на обличчя, ти бідкаєшся їй,
Носом у неї ховаєшся, щось їй шепочеш, плачешся, прісною - у морську, -
Вважаєш подругою, довіряєшся їй - і виринаєш,
Набравши дихання,
Чи ні, - набрати дихання...
У цей лякаюче інший світ.
Назовні

16.07.2023

Odin

Als stünden selbst die Statuen in Reih und Glied
und zischten vorbei auf Elektorollern,
eine nach der andern,
eine nach der andern,
rasch, rasch,
rasch, rasch,
und bei jeder, die vorbeirauscht, knallt der Wind –
lechz-lechz!
Die Augen kommen den Nachrichten nicht hinterher,
die Gedanken – wie die Augen
und das Gedächtnis hat sowieso alle Bezugspunkte verloren.
Jetzt ist Odin allein.
Seine Getreuen Hugin und Munin haben ihn verlassen.
Haben sich in stinknormale Raben verwandelt,
sich dem erstbesten Schwarm angeschlossen.
Da fliegen sie, Krähen, wie alle andern.
Jedenfalls versteht er sie nicht.
Jetzt ist Odin nicht mehr derselbe.
Der Herbst hat ihn schlussendlich ausgeknockt.
Er sagt, tja, scheiß drauf,
jetzt bin ich kein Schirmherr der Kriege.
Auch der Jagd erteil ich eine Absage.
Ich werde mir selbst nur die Lyrik lassen. Genug.
Schreibt es dem Alter zu
oder der Weisheit.
Es gibt keinen Gott des Krieges – es gibt keine Kriege.
Auch ich habe Anspruch auf Rente.
Ich werde mir die Runen weiterhin deuten.
Lasst mir zumindest das eine –
gebt mir mein Gedächtnis zurück –
meinen letzten Freund.

Odin


Наче навіть статуї вишикувалися,
і проносяться на гуляйногах повз,
Одна за одною,
Один за одним,
Вжих-вжих,
Вжих-вжих,
І вітер ляпає з кожним зустрічним -
Тужи-тужи!
Око не встигає за новиною,
Думка - за ним,
А пам'ять взагалі розгубила всі згадки.
Одін тепер один.
Полишили його вірні Хугін і Мунін.
Перетворилися на звичайних круків.
Прибилися до першої ліпшої зграї,
Літають, крумкають, як усі.
Чи то він їх не розуміє.
Одін тепер не той.
Осінь остаточно його добила.
Каже, ну його нафіг, я тепер не покровитель війн.
Відмовляюся навіть від полювання.
Залишу собі лиш поезію. Genug.
Може, це старість,
А може мудрішання.
Немає Бога Війни - нема війн.
Я теж маю право на пенсію.
Буду руни собі й далі тлумачити,
Нехай хоч один - хоча б пам'ять моя повернеться, -
Мій останній Друг.