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Samstag, 14. November, 15 Uhr

 


Anaïs Meier
(Schweiz / Switzerland)

⇒ Focus Schweiz / Switzerland

Anaïs Meier, *1984 in Bern, studierte Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel.

Ihr Kurzgeschichtenband Über Berge, Menschen und insbesondere Bergschnecken erschien 2020 bei mikrotext. Mit einem Fuss draussen ist ihr Debütroman, für den sie mit dem Förderpreis Komische Literatur 2022 ausgezeichnet wurde.

Sie schreibt die Kolumne Aus dem Réduit für die Fabrikzeitung in Zürich und gehört dem Autorinnenkollektiv RAUF an.

Anaïs Meier, born in 1984 in Bern, studied literary writing at the Swiss Literary Institute in Biel.

Her short story collection Über Berge, Menschen und insbesondere Bergschnecken (“About Mountains, People, and Especially Mountain Snails”) was published by mikrotext in 2020. Mit einem Fuss draussen (“With One Foot Outside”) is her debut novel, for which she received the Förderpreis Komische Literatur (Promotion Prize for Comic Literature) in 2022.

She writes the column Aus dem Réduit for the Fabrikzeitung in Zurich and is a member of the authors’ collective RAUF.

©Robert-Sageder-schamrock

Tipps vom Profi

 

Es ist drei Uhr morgens und eine Schriftstellerin sitzt an einem Bistrotisch in einer
Bar. Noch vor einigen Bieren war sie sehr verzweifelt gewesen. Es ist das Geld,
das ihr fehlt.
Der Bistrotisch ist klebrig. Darunter gibt er vor, aus Marmor zu sein. Auf ihm
liegt ein Manuskript, welches von der Schriftstellerin eigenh ndig getippt wurde.
Im Schweisse ihres Angesichts hat sie dieses Manuskript getippt, und zwar sieben
Jahre lang. Dass sie die Schriftstellerei nicht reich machen würde, das hatte sie
von Anfang an befürchtet. Jetzt aber hat sich ihre Situation dramatisch verschärft,
denn die Schriftstellerin ist vor kurzer Zeit Familienmutter geworden.
Im Vergleich zu dem Buch, das sie geschrieben hat, geschah das mit dem Kind
ziemlich schnell und trotzdem ist es viel einfacher, ein Buch zu schreiben, als eine
Schwangerschaft durchzustehen. So ein Buch braucht halt Geduld, denkt sie, aber
daran zu sterben, jetzt so rein physisch, ist eigentlich nicht m glich.
Da die Schriftstellerin nicht zu der grossen Mehrheit derjenigen gehört, die in der
Literatur schon sehr jung unglaublich erfolgreich sind und fortan ein Leben in
Saus und Braus führen, hat sich bei ihr über die letzten sieben Jahre einiges an
gutgemeinten Ratschl gen angesammelt.

An einem Familienfest mit ihrem Ex-Freund etwa, meinte der eine Cousin zu
ihrem Ex-Freund, der Ex müsse ihr sicher immer gute Stories erz hlen, damit die
Schriftstellerin auch etwas zu schreiben wisse.
Oder die eine Freundin, die sie immer wieder fragte, ob sie nicht doch lieber
Geschichte studieren wolle.
Oder der RAV-Berater, der sie oft nur noch stumm und verzweifelt angeschaut
hatte.
Oder die andere Freundin, die immer wieder fragte, ob sie nicht doch lieber
Anglistik studieren wolle.
Oder der andere Ex-Freund, der ihr erklarte, dass ein Werbetexter genauso
intensiv und innovativ mit Sprache arbeite wie eine Schriftstellerin, und
zuf lligerweise werde bei ihm in der Agentur bald eine Junior Texter Stelle frei,
dann h tte sie einen richtigen Lohn und sie könnten endlich mal zusammen in
einem Restaurant gehen und ausserdem könnte sie sich auch echt mal ein intaktes
Kleidungsstück kaufen, und dann, ja und dann k nnten sie sogar zusammen mit
seinem Chef und dessen Junior Content Creator Beraterin essen gehen!
Ja, von den Anf ngen der Schriftstellerei ist sich die Schriftstellerin wirklich
einiges gewohnt. Eine harte Schale, heisst es, müsse da entwickelt werden.
Wenn die Schriftstellerin viel Bier trinkt, beginnt die Schale zu wackeln.
Wobei das gute am Bier ist, dass es einen die finanziellen Sorgen vergessen l sst.
Das schlechte daran ist, dass diese gleichzeitig mit jedem Bier grösser werden.
Ausserdem verwackelt es die harten Schalen des Lebens und gerade
Schriftstellerinnen und allgemein kunstschaffende Menschen entwickeln dann
eine gewisse Tendenz zum Selbstmitleid, weil sie oft nicht einverstanden sind
damit, wie und ob ihr Werk von der Menschheit gewürdigt wird.
Seit die Schriftstellerin Familienmutter geworden ist, besch ftigt sie sich
allerdings nicht mehr mit diesem Thema. Der Fokus ihrer Sorgen liegt jetzt nur
noch bei den Finanzen. Das begann, als ihre Schwangerschaft ersichtlich wurde.


Ihr Geldjob, der k örperlich mittelmässig anstrengend war, war ihr aus Rücksicht
von ihren Arbeitgeberinnen ab dem 7. Schwangerschaftsmonat entzogen worden.
Da sie nicht angestellt war, bekam sie keinerlei Ersatzzahlung. Viele ähnliche
Situationen folgten, der verzweifelte RAV-Berater hatte sie schon vor längerer
Zeit mit feuchten Augen aussteuern müssen, aber hier alles aufzuzählen, würde
den Rahmen des Textes sprengen. Die Schriftstellerin hatte feststellen müssen,
dass es in der Schweiz einfach nicht vorgesehen ist, dass eine ausgesteuerte
Autorin, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser h lt, schwanger wird. Deshalb
gibt es auch keine entsprechende finanzielle Unterstützung für solche F lle, sonst
könnte es in Zukunft ja noch mehr von der Sorte geben!
Deshalb also sitzt sie jetzt desolat rechnend und Bier trinkend in dieser Bar. Sie
hatte heute einen Termin bei einem Verlag, was das klebrige Manuskript vor ihr
erklärt. Die Schriftstellerin hatte das Treffen ursprünglich als vielversprechend
eingestuft gehabt, der Verleger machte ihr aber sofort klar, dass sie sehr viele
Änderungen an ihrem Buch würde vornehmen müssen und dafür könne er sie
leider nicht bezahlen.
Und dann sagte der Verleger, dass es einfach schwierig sei. Und die
Schriftstellerin bestätigte das.
Und der Verleger sagte, als Mutter sei es halt ganz besonders schwierig, also am
schwierigsten.
Und die Schriftstellerin fragte „Warum?“. Und der Verleger sagte, weil wenn sie
jetzt, angenommen, ein Aufenthaltsstipendium bekommen würde, dann müsste sie
ja ihr Kind mitnehmen.
Nach diesem Gespräch brauchte sie ein Bier. Sie will herausfinden, warum eine
Schriftstellerin bei einem Stipendium das Kind mitnehmen muss und ein
Schriftsteller in dem Fall ja nicht. Irgendwie versteht sie die Logik der Aussage
nicht, obwohl der Verleger das sehr bestimmt gesagt hat.
In letzter Zeit werden immer wieder solche Rätsel an sie herangetragen.


Oder sie bekommt Tipps, die aber irgendwie gar keine sind, weil sie eher wie
Drohungen klingen. Gerade gestern zum Beispiel, war sie mit dem Baby beim
Kinderarzt gewesen und der begann ihr zu erzählen, dass seine Frau Malerin sei,
also Kunstmalerin, und die habe nach der Geburt der Kinder jeweils ein Jahr lang
nicht kreativ sein können. Das sei halt schon eine Belastung für so eine
Künstlerseele.
Aber ein guter Tipp sei, also das habe jedenfalls seine Frau gemerkt, dass sie sich
nach Kind Nummer zwei und Nummer drei gar nicht mehr vorgenommen habe,
irgendwie kreativ zu sein!
Der Arzttermin war abends um sieben. Die Schriftstellerin hätte sehr gern
entgegnet, dass sie aber ja mit dem Schreiben Geld verdienen müsse, ihr Freund
nicht Kinderarzt sei und wenn er es wäre, sie sicher nicht mitmachen würde dabei,
dass der Vollzeit arbeitet und abends um sieben noch Termine vergibt.
Aber die Schriftstellerin hat ja erst seit kurzem ein Kind und immer, wenn solche
Tipps an sie herangetragen werden, entsteht in ihr drin eine grosse Verzweiflung,
die dann abstirbt und damit auch die Hoffnung, die vor der Verzweiflung da
gewesen war.
Die Freundin, die den Kinderarzt empfohlen hatte, ist Schauspielerin. Der Vater
ihrer Kinder ist ein Berufskollege von ihr. Die Schriftstellerin erinnert sich, wie
sie die Schauspielerin zu Hause besucht hatte, als das erste Kind etwa ein Jahr alt
war. Ihr Mann war da gerade an der Probe zu einem Weihnachtsstück, bei dem die
beiden in den letzten Jahren immer gemeinsam mitgespielt hatten. Dieses Jahr
habe der Regisseur den Job nur dem Vater angeboten. Als die Schriftstellerin
sofort Feuer und Galle zu spucken begann, meinte die Schauspielerin, dass das
aber doch völlig in Ordnung und ja auch logisch sei, weil sie könnten ja nicht
beide mitmachen, eine Person müsse ja beim Kind bleiben!


Die Schriftstellerin muss sich noch ein Bier holen. So sehr sie es auch versucht,
sie begreift auch diese Logik nicht.
Auf dem Weg zur Bar sieht sie einen Kolumnisten und Schriftsteller, der etwa
doppelt so alt ist wie sie und dessen Kolumnen sie seit Jahren liest. Unter dem
Einfluss von Geldnot und Alkohol, wittert sie sofort den Deal ihres Lebens. Sie
holt sich ein Mutbier und stellt sich dem Kolumnisten vor. Es gibt schliesslich
genügend Legenden darüber, wie Leute genau so zu Jobs, Geld oder Ruhm
gekommen sind! Sie klebt das Manuskript auf den falschen Marmor vor dem
Kolumnisten, klagt ihm die Dringlichkeit ihrer Situation, verspricht die sofortige
Bereitschaft zu jeglichen Schreibjobs, sie schreibt ihm ihre Mailadresse ins
Notizbuch, zeigt ihm auf dem Telefon ihre Webseite und lobt seine Texte.
Die Reaktion des doppelt so alten Kolumnisten ist die Frage, wo denn ihr Baby
sei.
Sie erklärt ihm, dass es drei Uhr morgens ist und dass sie sich in einer Bar
befänden. Dass das Baby zu dieser Zeit zu Hause in seinem Babybett schlafen
würde.
Die Frage erstaunt die Schriftstellerin nicht. Seit der Geburt wird sie meistens,
wenn sie allein unterwegs ist, als erstes gefragt, wo ihr Kind sei. Und das von
allen möglichen Leuten, die unm glich alle verdeckt für die KESB am spionieren
sein können.
Die Schriftstellerin schaut sich in der Bar um und sieht drei andere Gäste, von
denen sie weiss, dass sie Väter sind. Der Vater ihres Kindes ist zu Hause und
kümmert sich um das Baby. Und obwohl es von der Natur so vorgesehen ist, dass
er sich mit seinen starken Armen und seinem fitten Körper, der nicht von
Schwangerschaft und Geburt strapaziert wurde, also obwohl es völlig logisch ist,
dass er sich in der ersten Zeit primär um das Kind kümmert, wird er jeweils nicht
als erstes gefragt, wo sein Kind sei, wenn er ausnahmsweise mal ohne unterwegs
ist.


Aber jetzt steht sie ja neben dem Tisch des Kolumnisten, deshalb lächelt sie und
betont erneut ihre Motivation zur fleissigen Schreibarbeit. Der Kolumnist sagt, er
habe auch Kinder. Und dann erzählt er von seiner Frau, die sei auch Autorin und
er sagt, er habe einen guten Tipp für die Schriftstellerin: Seine Frau habe nämlich
Kinder und Schreiben wirklich gut vereinen können, indem sie einfach nur noch
Kinderbücher geschrieben habe!
Das könne er jeder Schriftstellerin empfehlen, wenn sie ein Kind bekomme und
trotzdem weiterschreiben wolle, dann solle sie doch einfach Kinderbücher
schreiben! Die Miene des Kolumnisten ist jetzt feierlich und wirklich
wohlwollend, er verkündet das, als hätte er gerade das Frauenwahlrecht erfunden.
Der Schriftstellerin brummt mittlerweile der Kopf. Sie fragt den Kolumnisten,
was er denn im Moment so schreibe. Und er erzählt ihr, dass in zwei Monaten sein
neues Buch erscheinen werde. Das sei schon das Sechste. Und als die
Schriftstellerin fragt, ob es ein Kinderbuch sei, schaut er sie verständnislos an und
sagt: „Es ist ein Roman.“
Da geschieht etwas im Hirn der Schriftstellerin. Es ist eine Art Implosion, eine
Logik-Implosion, welche dazu führt, dass sie dem Kolumnisten ihr Bierglas über
den Kopf haut. Und während in der Bar alle zu schreien beginnen und dem
Kolumnisten ein Gemisch aus Blut und Bier und Scherben von der Glatze tropft,
möchte ich an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, dass diese Geschichte
eine Moral hat. Diese Geschichte soll ein Aufruf sein, dass sich gewisse Dinge in
unserer Gesellschaft ändern, damit es endlich aufhört, dass junge
Schriftstellerinnen mit Kind morgens um drei in irgendwelchen Bars älteren
Kolumnisten Biergläser über die Köpfe hauen müssen. Das ist doch kein Zustand!
Zusammen können wir es schaffen, dem ein Ende zu bereiten. Vielen Dank.