Internationale Poetry-Biennale  -  Filmfestival  -  Salon  -  Netzwerk

München: Samstag, 5. November, 16 Uhr

 


Geraldine Gutiérrez-Wienken
(Venezuela - Heidelberg)

Festival Focus Spanien / Spain – Hochroth Verlag Heidelberg

Geraldine Gutiérrez-Wienken (*1966, Venezuela) schreibt, übersetzt und verlegt Lyrik. Sie ist Gründerin des hochroth Heidelberg Verlags. Sie studierte u.a. an der Universität Heidelberg Deutsche Philologie und promovierte über Die Welle in der Kunst und Literatur.

Übersetzungen zuletzt: Hilde Domin, Canciones para dar aliento, Llantén 2018; Adalber Salas Hernández Auf dem Kopf durch die Nacht, (mit Marcus Roloff) parasitenpresse 2021.

Sie hat vier Lyrikbände auf Spanisch veröffentlicht, zuletzt: El silencio es una bailarina, Alción 2021. Geraldine lebt in Heidelberg.

Geraldine Gutiérrez-Wienken (*1966, Venezuela) writes, translates and publishes poetry and is the founder of hochroth Heidelberg Verlag. She studied German philology at the University of Heidelberg, among others, and did her doctorate on The Wave in Art and Literature.

Most recent translations: Hilde Domin, Canciones para dar aliento, Llantén 2018; Adalber Salas Hernández Upside down through the night (with Marcus Roloff) parasitenpresse 2021.

She has published four volumes of poetry in Spanish, most recently: El silencio es una bailarina, Alción 2021. Geraldine lives in Heidelberg.

 

[Unter dem Tisch
mit Louise Bourgeois]

Wir sind Garanten von Häusern in denen du den Faden verlierst
wir sind der, den du ständig verlorst und gezwungen warst wieder aufzunehmen
wir sind das Wohnzimmer der Tisch wo er nie war
unter dem Tisch sind wir zu zweit, Angst und Nussknacker
wir sind er – im Profil aus der Ferne und in frontaler Zärtlichkeit – und sie
ihre Kampferbrust und Stimmen. Wie ein Gletscher
hängt eine Träne in jedem Auge         und fällt
in Alltäglichem findest du den Faden wieder         allein
wir sind Garanten von Brüchigen Häusern, Leeren Häusern nach Tisch
und verletzlich und unbeirrt sind wir auch auf dieser Welt
wir sind im Sinne der Wirkung die Vision eines Marathons
wir sind die Fremde die uns manchmal ohne Rennen verfolgt.

 

Aus dem Spanischen von Johanna Schweringe

[Debajo de la mesa
con Louise Bourgeois]

Somos garantes de casas por las que corre el imperdible
somos el que siempre perdías y te obligaban a buscar
somos la sala de estar la mesa donde nunca estaba
somos dos debajo de la mesa, miedo y cascanueces
somos él – de lejos de perfil y de frontal ternura – y ella
su pecho de alcanfor y voces. Como un glaciar
una lágrima en cada ojo se guarda         deslizándose
en objetos cotidianos se halla el imperdible        a solas
somos garantes de Casas frágiles, Casas vacías en sobremesa
las somos vulnerables y campantes en este mundo
somos de nuestra incidencia la visión de un maratón
somos el extranjero que a veces sin correr nos persigue.

[Underneath the table
with Louise Bourgeois]

we are the guarantors of houses through which a safety pin runs
we are the one you always lost sight of and they made you look for
we are in the living room on the table where nothing ever lived
we are two underneath the table, fear and nutcracker
we are he—at a distance in profile and frontal tenderness—and she
her breast of camphor and voices like a glacier
in each eye a tear preserved                  sliding down
on everyday objects the safety pin is found                    alone
we are the guarantors of fragile Houses, empty Houses at the dinner table
we are them smugly and vulnerable in this world
we are by our incidence the view of a marathon
we are the foreigner who sometimes without running chases us.

 

Translation: Jean Louise Sanders

Croquis de un poema
que se auto-traslad
a

Cuando me traslado de una lengua a otra se
desarticula desconcierta algo mío mueve. Por un instante
me descubro en ese aire profético que ronda los vocablos
rarefacto, y no
significa que el círculo de aire [Luftkreis del lenguaje
según Walter Benjamin] vaticine eventos futuros
significa que no
me apoyo en algo pre-
existente. Algo presiento al traducirme
algo comienza de otro modo. Algo sigue su curso
funda pueblos sendas lenguas. Es curioso porque el
poema venidero no es un texto que se inicia, tampoco un río que pasa
es su comienzo. Y mientras intento, aquí, esbozarlo, atraído por el
movimiento propio de la poesía, me percato del riesgo de la riada 
que implica transformarme en un consenso o en una
prosa aproximativa. Acontezco mucho antes
inasible prismático ven subterránea conmigo pasa frio
en un bosque huerto o laguna
muy cerca de nuestro fin
apunto siempre al envión de la fuente. Allí algo muere naturalmente
deviene.

Skizze eines Gedichtes
das sich selbst übersetzt

Wechsle ich von einer Sprache in eine andere, etwas von mir
irrt bewegt sich. Für einen Augenblick. Bis ich mich mitten in diesem
prophetischen Hauch, der um das Wort mitschwingt
verdünnt wiederfinde. Und es bedeutet nicht, dass der Luftkreis der Sprache
wie Walter Benjamin ihn nennt, zukünftige Ereignisse vorhersagt.
Ich greife nicht auf etwas Nichts-Vorhandenes.
Ich ahne, etwas beginnt bei der Übersetzung
auf eine andere Weise. Etwas nimmt seinen Lauf, gründet andere
Zeiten, Dörfer, Sprachen. Und es ist merkwürdig, weil das Gedicht der
Zukunft kein Text ist, der beginnt,
auch nicht ein Fluss, der vorbeifließt
beginnt. Und während ich hier versuche, es zu umreißen, angelockt
vom eigenen Fluss der Poesie, spüre das Risiko, das mit der Umwandlung
eines Gedichts in einen Konsens oder in eine annähernde Prosa verbunden ist.
Gedicht, das, es entspringt viel früher.
Nicht begreifen kann man es
lauschen vielleicht atmen auskleiden mit ihm frieren zittern
im Unterwald an einem See in einem Bunker
durchhalten
auf der Schwelle, die sehr nahe an unserem Ende grenzt, aber immer wird
natürlich.

 

ieses Gedicht habe ich geschrieben und selbstübersetzt für die Latinale 2021.

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