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___Festival 2018___________Europe_Inside_/_Outside___________Wien 24_10 | München 26-28_10

Sabine Gruber
(Italien)
Samstag, 27. Oktober, 16 Uhr
whiteBOX München
Lorenz Brugger

Sabine Gruber, *1963 in Meran (Italien). Studium der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien. Lebt in Wien.

Auszeichnungen, zuletzt: Veza-Canetti-Preis der Stadt Wien, Österreichischer Kunstpreis für Literatur 2016.

Zuletzt erschienen: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks, Roman 2016, Am Abgrund und im Himmel zuhause, bibliophiler Lyrikband, Haymon 2018.

www.sabinegruber.at



Sabine Gruber, *1963 in Meran (Italiy), lives in Vienna. She studied German language, history and politics in Innsbruck and Vienna.

Latest awards: Veza-Canetti-Preis of the town of Vienna, Austrian Art Award for Literature 2016.

Latest publications: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks, Roman 2016, Am Abgrund und im Himmel zuhause, bibliophiler Lyrikband, Haymon 2018.

www.sabinegruber.at

Am Toten Kanal
Rijeka im Mai 2017

 

Am Mrtvi kanal fliegt die Sehn
Sucht in alte Feuer. Ich zahle
Viel. Der Schwindel landet im Kopf

Titos begeisterte Menge ist tot
Seine Möwe rostet im Hafen.
Wer hier schon durchzog

Die Herren von Duino, die Fürsten von
Frankopan, die Grafen von Walsee,
Venezianer, Habsburger, Franzosen,

Ungarn. Und Gabri, der Dichter, dem
Die Duse später ihre Seele schenkte,
Besetzte die Stadt. Gekommen, um

Nicht zu bleiben. Ich blicke auf
Die alten Barken, sehe das Wasser
Ölig, schwer. Nicht nur der Wind

Ist ausgegangen. Liburna hinkt am
Stock, trägt unförmige Markenkleider
Ruft nach Seeräubern, Schiffbauern

Und Matrosen. Frische, stille Blätter
Über mir. An der Brücke ziehen die
Freiwilligen wieder in den Krieg.

Brandenburg – Lampedusa

 

In den Kronen leuchten
Kondensstreifen, es heben
Sich die Äste, Loses und
Leichtes rieselt und raschelt.

Naturkur, wer den Blick nicht hebt
Und Pfütze, Entengrütze, wer nicht
Am Wasser steht. Zwischen den
Kontinenten drehen Schiffsschrauben

Die Flüchtigen in den Tod. Die Shirts
Sind unverschleiert. Die Totenkronen
Schwimmen wie Treibholz ins Offene
Es schlafen nicht einmal die Namen.

 

Aus: Zu Ende gebaut ist nie. Gedichte Haymon-Verlag 2014.
Mit freundlicher Genehmigung des Haymon Verlags.

Geschenktes Leben

Ich schau in mich, wie in die Trommel.
Monotones Rotieren im Schongang.
Klopf mir ans Glas. Wieviel Farbe
Ist schon verloren? Geht die Wäsche
Ein? Tummeln sich die Fetzen?
Am Ende darf ich wieder probe
Liegen. Hör ich die Pumpe,
Hör die Trommel fliegen.

 

Aus: Zu Ende gebaut ist nie. Gedichte Haymon-Verlag 2014.
Mit freundlicher Genehmigung des Haymon Verlags.

Importierter Frühling

Die Verzweiflung flüchtet in die Träume, hofft, daß die Toten
Sich rühren, daß das Vergessene im Gedächtnis neu erblüht.

Nicht Rauhreifrosen, nichts Wildes - das Glas ist längst zu dick
Für Melde und Klee, zu sauber für eiskalte Wiesenwunder.

Es wächst nichts an Fenstern, die Scheiben sind warm oder
Bersten im Schauer. Syrien grüßt mit mörderischen Tulpen,

Und groß wie ein Zwerg spricht der Herr auf dem Berg,
Wolf und Lamm sollen weiden zugleich. Ich mach euch reich.

Statt Platz zum Leben, platzt das Leben. Hell. Rot. Und heiß.
Alle reden. Von bunten Blumen. Doch die Sprache ist weiß.